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Man kann Liebe nicht erzählen
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Alle meine Rezensionen ansehen (TOP 100 REZENSENT) Rezension bezieht sich auf: Tagebücher, 1926-1942 (Gebundene Ausgabe) Am 4. Februar 1935 notierte der franco-amerikanische Schriftsteller Julien Green: "...aber es wäre ein großer Fehler, sie (die Tagebücher) zu vernichten, denn sie haben eine Vorstellung von einer Lebenserfahrung, die viele Menschen nicht kennen. Sie könnten eines Tages aufschlussreich, vielleicht nützlich sein. Sie beinhalten auch zahlreiche Auskünfte über das literarische Leben, die man zweifellos anderswo nicht finden wird...".
Präziser kann man Nutz und Frommen dieser Tagebücher nicht beschreiben. Den hohen Rang der Aufzeichnungen haben die Franzosen, die diese Tagebücher wie das gesamte Werk des Autors in der ehrwürdigen Edition de la Pléiade veröffentlicht haben, schon sehr früh erkannt. In deutscher Sprache sind die frühen Aufzeichnungen zwar bereits 1952 in einer verkürzten Fassung erschienen. Erst 1991 allerdings erschien der erste Band (1926 - 1942) in einer mustergültigen Edition.
Gemessen an Greens Notat von 1935 sind diese Tagebücher in der Tat sehr aufschlussreich. Sie geben den Stoff her für eine umfassende innere Biografie. Denn das, was der Schriftsteller in brillanten Stil und mit äußerster Genauigkeit mitzuteilen hat, ist der Weg eines bereits erfolgreichen Autors von 26 Jahren zum "gestandenen" Mann von 42. Das ist eine religiöse "Biografie" mit den Höhen beinahe exstatischen Erlebens und den Tiefen der Hölle.
Höhen und Tiefen erlebt der 1900 geborene Autor auch im sexuellen Bereich. Leidenschaften und Obsessionen treiben ihn um. Der verhassten "Fleischeslust" kann er nur durch Arbeit Herr werden. Durch sie überlistet er das "Gewaltsame, das meiner Wesensart zugrunde liegt...". So findet der Leser das ganze Ausmaß des Bösen und des Schreckens in seinen Romanen wieder: "Leviathan" (1929), "Treibgut" (1932) und "Der Geisterseher" (1934). Damit hat der folgende Satz eine zentrale Bedeutung für diese Tagebücher: "Der größte Forscher macht nicht so lange Reisen wie jener, der ins Innerste seines Herzens hinabsteigt und sich über die Abgründe beugt, wo sich das Antlitz Gottes zwischen den Sternen spiegelt."
Alles andere also als das "Bekenntnis einer schönen Seele"; gerade deshalb aber von äußerster Ehrlichkeit und sensibler Einsicht. Und dazu ein Werk von hohem literarischem Rang und großer Bedeutung für die Literaturwissenschaft. Kaum ist zum Beispiel über André Gide mehr zu erfahren als hier. Über jede Begegnung - und es waren viele - hat Green sich Notizen gemacht. Und nicht nur über Gide. Mauriac und Maritain, Klaus Mann, Annette Kolb und Jean Cocteau, das gesamte Literatur- und Künstlerleben im Paris der zwanziger und dreißiger Jahre findet noch einmal in Greens Tagebüchern statt.
Literaturgeschichte also - aber auch in erheblichem Maße Zeitgeschichte. Green hat die tiefgreifenden Erschütterungen erlebt und reflektiert. Er hat den unaufhaltsamen Aufstieg Hitlers ("ein Geistesgestörter" - 1932) "erlitten". In zunehmendem Umfang macht er sich Gedanken über sein geliebtes Frankreich, über die Zukunft Europas. Den ersten Kriegswirren entzieht er sich 1940 durch eine Reise nach Amerika, in das Land seiner Vorfahren. Sein "Exil" ist jedoch weniger von den alltäglichen Sorgen geprägt. Das Drama spielt sich im Innern ab. Vor allem ist es das Heimweh nach Paris, das Green leiden lässt.
Auch das Glück spielt in diesen Tagebüchern eine Rolle - und die Liebe. Sie kommen aus dem religiösen Empfinden, aus dem Umgang mit Büchern, aus der Begegnung mit Freunde. Aber "Man kann die Liebe nicht erzählen, ebenso wenig wie das Glück. Deshalb ist in meinen Tagebüchern soviel Schweigen" (16. März 1942).
Ein sehr beredtes Schweigen, das den Leser gefangen nimmt, in den Text einbezieht. Denn "dieses Tagebuch ist kein Spiegel, in dem ich mich sehe. Ich halte ihn meinem nächsten hin, nicht damit er mich darin erblicke - wie könnte er das? - , sondern sich selbst."
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 10. Januar 2010 | | |
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